Acht Thesen für das Schauspielhaus
„Theater muss sein!“ – mit diesem Motto wurde vor Jahren gegen Einsparungsbestrebungen nicht nur beim Chemnitzer Theater gekämpft. Heute bewegt das Schauspiel wieder die Stadtgesellschaft. Und wieder geht es nicht nur um fehlende finanzielle Mittel. Die Diskussion um den Standort des Schauspielhauses in Chemnitz birgt die Gefahr, dass keine Entscheidung für ein starkes Theater getroffen wird. Deshalb ist wichtigste Forderung der Stadtgesellschaft, unabhängig davon welche Standortlösung favorisiert wird, die nach einer nachhaltigen Entscheidung für ein starkes, modernes und gesellschaftlich relevantes Theater. Die Chemnitzer Stadtgesellschaft möchte nachdrücklich ein Theater, das wieder über die Stadtgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregt, künstlerische Maßstäbe setzt und gesellschaftliche Diskussionen mitgestaltet.
Damit diese Funktion des Schauspiels erfüllt werden kann, muss das Schauspielhaus technisch auf der Höhe der Zeit sein. In ein Theater investiertes Geld ist gut investiertes Geld für eine kulturell reiche, lebenswerte Stadt!
Erst an zweiter Stelle steht die Frage nach dem Standort des Theaters - und dabei gibt es gute Gründe, die für den Erhalt des Schauspielhauses am Park der Opfer des Faschismus sprechen:
- Das Schauspielhaus Chemnitz ist ein herausragendes Baudenkmal aus der DDR-Zeit. Der Architekt Rudolf Weißer hat die Stadt in der DDR-Zeit geprägt und ist der Schöpfer herausragender Architektur der DDR-Moderne, die die Zeit überdauert hat und deren Wert erst heute langsam erkannt wird.
- Das Schauspielhaus erfüllt eine städtebaulich kaum ersetzbare Funktion am Park der OdF, am Rande des Stadtzentrums, welches jetzt mit der Bebauung der Johannisvorstadt näher rückt. Die endgültige Aufgabe des Standortes führt zur Verwahrlosung des Parks und hätte im Übrigen auch keinen positiven Effekt für das benachbarte Altersheim.
- Die Idee, dass ein Neubau auf dem Gelände des Spinnereimaschinenbaus auf das gesamte Stadtviertel ausstrahlt und den Stadtteil Altchemnitz zusammen mit dem Wirkbau zu einem neuen kulturellen Zentrum der Stadt entwickeln könnte, ist reines Wunschdenken. In den vergangenen Jahren des Interims hat sich keine Tendenz dazu gezeigt. Eine solche Idee würde sich auch nicht im Selbstlauf verwirklichen und bisher ist kein realistischer Plan dafür bekannt geworden.
Einen zentrumsnahen Standort mit Tradition zugunsten einer fixen Idee aufzugeben, konterkariert alle Bemühungen zur Belebung des Stadtzentrums und kann nur als verantwortungslos bezeichnet werden. Es wäre viel realistischer, mit einem sanierten funktionellen Schauspielhaus am Park der OdF das Zentrum zu stärken. Auch eine Neugestaltung des Parks, insbesondere an seine Südseite würde sich bei dieser Gelegenheit anbieten und hätte positive Effekte im gesamten Stadtteil. - Die finanziellen Vorteile des Neubaus eines Schauspielhauses hinter dem Spinnereimaschinenbau sind auf dem bisher bekannt gewordenen Planungsstand nicht überzeugend. Zudem würden wohl Fördermittel für die Sanierung des Schauspielhauses verloren gehen. Auch die langfristigen Kosten einer Public-Private-Partnership am Spinnereimaschinenbau sind nicht bekannt.
- Das Vorgehen der Stadt bei der Suche nach einem Standort für das Theater ist planlos. Zunächst sollten auf der Grundlage grober, aber vergleichbarer Schätzungen mögliche Varianten verglichen und dann die bevorzugte Variante detailliert geplant werden. Eine Neuplanung an einem anderen Standort in dem Detaillierungsgrad, der für das Schauspielhaus am Park der OdF vorliegt, treibt die Planungskosten in die Höhe.
- Die Neubaupläne lassen jeden Respekt vor dem Gedanken der Nachhaltigkeit vermissen. Im Sinne eines nachhaltigen Bauens ist es grundsätzlich besser, vorhandene Gebäude zu nutzen anstatt neu zu bauen.
- Alle weiteren Planungsaspekte, wie zum Beispiel Probenbühnen, kleine Bühne, Werkstätten und Büroräume, Theaterrestaurant, interne Logistik des Theaters etc. sind natürlich wichtig und sollten auch mit bedacht werden. Aber keines dieser Themen allein wiegt so schwer, dass es die Aufgabe eines Baudenkmales rechtfertigen würde. Neue Ideen für den Standort am Park der OdF wären allemal ein Gewinn.
- Weil ein Theater für das öffentliche Leben einer Stadt eine so große Rolle spielt, sollten die Entscheidungsprozesse äußerst transparent sein. Ein Theater darf nicht Gegenstand privater Spekulationen oder Immobiliendeals im Hinterzimmer sein. Das Theater ist öffentlicher Raum und erfordert transparente öffentliche Prozesse unter Einbeziehung der Bürgerschaft.
Wir rufen die Bürger der Stadt Chemnitz auf, sich eine fundierte Meinung zu bilden, für ein starkes Theater einzusetzen und zu vernetzen!
